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Tübingen

Foto: RTF.1
Wanderausstellung „Hermann Hesses Schweigen“

Von 1932 bis 1942 schrieb Hermann Hesse an seinem letzten Roman „Das Glasperlenspiel“. Ein anspruchsvolles Buch, das eng mit der politischen Entwicklung des nationalsozialistischen Deutschlands verbunden ist.

Wie genau, das zeigt die Wanderausstellung „Hermann Hesses Schweigen". Die Ausstellung war bereits in Bremen, Oldenburg und Warschau zu sehen, nun ist sie im Hesse-Kabinett in Tübingen angekommen.

Hermann Hesse lebte bereits seit 1919 in der Schweiz. Von Montagnola aus verfolgte er allerdings die zunehmende Radikalisierung im Dritten Reich. Auf diese Zeitgeschichte reagierte er mit einem Roman. Bereits im Jahr 1932 fing er an, am „Glasperlenspiel" zu schreiben. Ein anspruchsvolles und komplexes Buch, meint der Kurator der Ausstellung, Lutz Dittrich. „Dieses ganze Buch setzt sich mit der Radikalisierung der politischen Geschichte in Deutschland auseinander und ist eigentlich ohne dieses Verständnis der Zeitgeschichte nicht zu verstehen."

 

Verdeckter Widerstand

Um das „Glasperlenspiel" verständlicher zu machen, bettet die Wanderausstellung „Hermann Hesses Schweigen" den Roman in seinen geschichtlichen Kontext ein. In seinem Buch wollte Hesse zum Ausdruck bringen, dass Künstler ab einem gewissen Zeitpunkt dazu gezwungen sind, etwas gegen das Unrecht zu unternehmen. „Das kommt meiner Meinung nach sehr verdeckt in diesem Glasperlenspiel zum Ausdruck", so Dittrich, „sehr verdeckt eben, weil Hesse hoffte, diesen Roman noch 1942 in Berlin veröffentlichen zu können."

Er und sein Verleger Suhrkamp wollten das Buch mit der kritischen Message veröffentlichen, um zu zeigen, „dass nicht alle Deutschen ihr Gewissen verloren haben, sondern dass es eben auch einen anderen Weg gibt." Das Problem: das Buch musste es zuerst an den Zensoren vorbeischaffen. Deshalb musste Hesse bestimmte Passagen herausstreichen, die sich zu offensichtlich auf die damalige Zeit bezogen. Einige Seiten mit den durchgestrichenen Textstellen sind in der Ausstellung zu sehen. Der Roman durfte dann dennoch nicht vollständig veröffentlicht werden.

Hesse zwischen den Fronten

Das Buch war ein Weg des verdeckten Widerstands gegen die Nazis. Öffentlich übte Hesse keine Kritik, sondern schwieg. Sein Schweigen machte ihn auch zum Spielball der Nazis. Sie veröffentlichten viele ältere Texte von ihm in Besatzungszeitungen. „Die Parteiführung und Nazigrößen haben das schon sehr bewusst eingesetzt, um ihn da in einen Kontext zu bringen, der vermittelt: ‚Naja, der Hesse ist doch einer von uns, der unterstützt die großdeutschen Träume.'" Deshalb habe es nach außen so ausgesehen, als wäre Hesse ein Mitläufer, so Dittrich.

Viele seiner Handlungen, Briefe und Notizen machen aber deutlich, dass Hesse gegen die Nazis war. So auch ein heftiger Briefwechsel zwischen ihm und dem Schweizer Polizeichef, der auch in der Ausstellung zu sehen ist.

Noch bis zum 23. April 2023 können Besucher „Hermann Hesses Schweigen" an den insgesamt 9 Stationen in all seinen Facetten tiefer ergründen. Und vielleicht gibt die Ausstellung dem ein oder anderen den Anreiz dazu, das „Glasperlenspiel" mal in die Hand zu nehmen.


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